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Beschreibung
DOK. 11 (S. 99-100)
Berliner Tageblatt: Artikel vom 3. Februar 1938 über die Juden in Polen
Die Juden in Polen
Von unserem Korrespondenten Hans-Achim v. Dewitz2 Mit dem folgenden Aufsatz unseres Warschauer Korrespondenten über die Juden in Polen setzen wir die Behandlung des durch die Entwicklung in Rumänien nahe gerückten jüdischen Problems in Osteuropa fort, die mit dem Artikel Die Juden in Rumänien" in der Nummer 42 des Berliner Tageblattes" vom 26. Januar l.J. begonnen wurde.3 Die Schriftleitung.
Warschau, Anfang Februar. Von den rund 33 Millionen Menschen, die den polnischen Staat bilden, entfallen etwa 3 Millionen auf die Juden. Nächst den Ukrainern bilden sie die stärkste Volksgruppe. Dennoch ist es weniger die Eigenschaft des polnischen Judentums als grosse kulturelle und konfessionelle, nationale Minderheit, die den Kern der jüdischen Frage in Polen ausmacht. Dem Polen stellt sich einstweilen das Problem nicht so sehr als kulturelles oder als rassisches dar. Denn in beiden Beziehungen fehlen starke Reibungsflächen. Keine Minderheit führt ein ungestörteres kulturelles Eigenleben als die jüdische. Niemandem würde es einfallen, hier polonisieren" zu wollen.
Die blutmässige Vermischung spielt noch nicht die Rolle, die sie schroff in das Blickfeld der nationalen Aufmerksamkeit rücken müsste. Das stillschweigende Getto", das polnische und jüdische Bevölkerung auch heute noch voneinander trennt, mit den entsprechenden seelischen Hemmungen des Polen und den orthodoxen Prinzipien des Juden, ist erst von der kleinen Schicht der Assimilanten" teilweise durchbrochen worden, die auf dem Umweg über materiellen Aufstieg und konfessionellen Uebertritt den Zugang in die gehobeneren Schichten fanden und heute bereits einen unverkennbaren Einfluss auf den Gebieten entfalten, die dem jüdischen Intellekt von jeher zusagen.
So nur ist es möglich, dass der Charakter der jüdischen Frage als der eines Rasseproblems schlechthin in Polen verhältnismässig wenig erkannt wird, ja in der Regel, entsprechend der katholischen Doktrin, zugunsten rein konfessioneller Unterscheidungen verkannt wird. Die Aktualität der jüdischen Frage, wie der Pole sie für Polen sieht, liegt vornehmlich im Oekonomischen und Sozialen. Mehr und mehr wird sie zu einer Frage des beiderseitigen Lebensraums und der sozialen Struktur. Das Elend der breiten polnischen Massen verlangt ebenso nach Milderung wie das der jüdischen, und die junge Generation Polens sucht nach Aufstiegsmöglichkeiten.
Der Zusammenprall der polnischen und jüdischen Bevölkerung im Kampf um das täglich Brot erfolgt auf dem Pflaster des städtischen Erwerbslebens. Rund acht Millionen Menschen entbehren heute in Polen auf dem flachen Lande einer gesunden Existenzgrundlage. Eine Intensivierung der Landwirtschaft in ganz Polen, vornehmlich im Osten, würde nach vorsichtigen Schätzungen zwei bis drei Millionen von diesen acht noch in der Landarbeit unterbringen können. Was aber wird aus den überzähligen fünf Millionen Menschen? Sie drängen in die Städte, in das Erwerbsleben der Industrie, des Handels, des Handwerks.
Die Lage, die sie hier antreffen, ist keineswegs rosig. Die Industrie steckt in ihren Anfängen. Ihr grosszügiger Ausbau ist geplant, aber für das Tempo, in dem er möglich wird, ist auch der stürmischste Wille allein nicht ausschlaggebend, solange Kapital und immer wieder Kapital beschafft werden muss. Die Unterbringung überschüssiger polnischer Massen in der Industriearbeiterschaft verbleibt als Hoffnung nicht für heute und morgen vielleicht für übermorgen
Berliner Tageblatt: Artikel vom 3. Februar 1938 über die Juden in Polen
Die Juden in Polen
Von unserem Korrespondenten Hans-Achim v. Dewitz2 Mit dem folgenden Aufsatz unseres Warschauer Korrespondenten über die Juden in Polen setzen wir die Behandlung des durch die Entwicklung in Rumänien nahe gerückten jüdischen Problems in Osteuropa fort, die mit dem Artikel Die Juden in Rumänien" in der Nummer 42 des Berliner Tageblattes" vom 26. Januar l.J. begonnen wurde.3 Die Schriftleitung.
Warschau, Anfang Februar. Von den rund 33 Millionen Menschen, die den polnischen Staat bilden, entfallen etwa 3 Millionen auf die Juden. Nächst den Ukrainern bilden sie die stärkste Volksgruppe. Dennoch ist es weniger die Eigenschaft des polnischen Judentums als grosse kulturelle und konfessionelle, nationale Minderheit, die den Kern der jüdischen Frage in Polen ausmacht. Dem Polen stellt sich einstweilen das Problem nicht so sehr als kulturelles oder als rassisches dar. Denn in beiden Beziehungen fehlen starke Reibungsflächen. Keine Minderheit führt ein ungestörteres kulturelles Eigenleben als die jüdische. Niemandem würde es einfallen, hier polonisieren" zu wollen.
Die blutmässige Vermischung spielt noch nicht die Rolle, die sie schroff in das Blickfeld der nationalen Aufmerksamkeit rücken müsste. Das stillschweigende Getto", das polnische und jüdische Bevölkerung auch heute noch voneinander trennt, mit den entsprechenden seelischen Hemmungen des Polen und den orthodoxen Prinzipien des Juden, ist erst von der kleinen Schicht der Assimilanten" teilweise durchbrochen worden, die auf dem Umweg über materiellen Aufstieg und konfessionellen Uebertritt den Zugang in die gehobeneren Schichten fanden und heute bereits einen unverkennbaren Einfluss auf den Gebieten entfalten, die dem jüdischen Intellekt von jeher zusagen.
So nur ist es möglich, dass der Charakter der jüdischen Frage als der eines Rasseproblems schlechthin in Polen verhältnismässig wenig erkannt wird, ja in der Regel, entsprechend der katholischen Doktrin, zugunsten rein konfessioneller Unterscheidungen verkannt wird. Die Aktualität der jüdischen Frage, wie der Pole sie für Polen sieht, liegt vornehmlich im Oekonomischen und Sozialen. Mehr und mehr wird sie zu einer Frage des beiderseitigen Lebensraums und der sozialen Struktur. Das Elend der breiten polnischen Massen verlangt ebenso nach Milderung wie das der jüdischen, und die junge Generation Polens sucht nach Aufstiegsmöglichkeiten.
Der Zusammenprall der polnischen und jüdischen Bevölkerung im Kampf um das täglich Brot erfolgt auf dem Pflaster des städtischen Erwerbslebens. Rund acht Millionen Menschen entbehren heute in Polen auf dem flachen Lande einer gesunden Existenzgrundlage. Eine Intensivierung der Landwirtschaft in ganz Polen, vornehmlich im Osten, würde nach vorsichtigen Schätzungen zwei bis drei Millionen von diesen acht noch in der Landarbeit unterbringen können. Was aber wird aus den überzähligen fünf Millionen Menschen? Sie drängen in die Städte, in das Erwerbsleben der Industrie, des Handels, des Handwerks.
Die Lage, die sie hier antreffen, ist keineswegs rosig. Die Industrie steckt in ihren Anfängen. Ihr grosszügiger Ausbau ist geplant, aber für das Tempo, in dem er möglich wird, ist auch der stürmischste Wille allein nicht ausschlaggebend, solange Kapital und immer wieder Kapital beschafft werden muss. Die Unterbringung überschüssiger polnischer Massen in der Industriearbeiterschaft verbleibt als Hoffnung nicht für heute und morgen vielleicht für übermorgen
DOK. 11 (S. 99-100)
Berliner Tageblatt: Artikel vom 3. Februar 1938 über die Juden in Polen
Die Juden in Polen
Von unserem Korrespondenten Hans-Achim v. Dewitz2 Mit dem folgenden Aufsatz unseres Warschauer Korrespondenten über die Juden in Polen setzen wir die Behandlung des durch die Entwicklung in Rumänien nahe gerückten jüdischen Problems in Osteuropa fort, die mit dem Artikel Die Juden in Rumänien" in der Nummer 42 des Berliner Tageblattes" vom 26. Januar l.J. begonnen wurde.3 Die Schriftleitung.
Warschau, Anfang Februar. Von den rund 33 Millionen Menschen, die den polnischen Staat bilden, entfallen etwa 3 Millionen auf die Juden. Nächst den Ukrainern bilden sie die stärkste Volksgruppe. Dennoch ist es weniger die Eigenschaft des polnischen Judentums als grosse kulturelle und konfessionelle, nationale Minderheit, die den Kern der jüdischen Frage in Polen ausmacht. Dem Polen stellt sich einstweilen das Problem nicht so sehr als kulturelles oder als rassisches dar. Denn in beiden Beziehungen fehlen starke Reibungsflächen. Keine Minderheit führt ein ungestörteres kulturelles Eigenleben als die jüdische. Niemandem würde es einfallen, hier polonisieren" zu wollen.
Die blutmässige Vermischung spielt noch nicht die Rolle, die sie schroff in das Blickfeld der nationalen Aufmerksamkeit rücken müsste. Das stillschweigende Getto", das polnische und jüdische Bevölkerung auch heute noch voneinander trennt, mit den entsprechenden seelischen Hemmungen des Polen und den orthodoxen Prinzipien des Juden, ist erst von der kleinen Schicht der Assimilanten" teilweise durchbrochen worden, die auf dem Umweg über materiellen Aufstieg und konfessionellen Uebertritt den Zugang in die gehobeneren Schichten fanden und heute bereits einen unverkennbaren Einfluss auf den Gebieten entfalten, die dem jüdischen Intellekt von jeher zusagen.
So nur ist es möglich, dass der Charakter der jüdischen Frage als der eines Rasseproblems schlechthin in Polen verhältnismässig wenig erkannt wird, ja in der Regel, entsprechend der katholischen Doktrin, zugunsten rein konfessioneller Unterscheidungen verkannt wird. Die Aktualität der jüdischen Frage, wie der Pole sie für Polen sieht, liegt vornehmlich im Oekonomischen und Sozialen. Mehr und mehr wird sie zu einer Frage des beiderseitigen Lebensraums und der sozialen Struktur. Das Elend der breiten polnischen Massen verlangt ebenso nach Milderung wie das der jüdischen, und die junge Generation Polens sucht nach Aufstiegsmöglichkeiten.
Der Zusammenprall der polnischen und jüdischen Bevölkerung im Kampf um das täglich Brot erfolgt auf dem Pflaster des städtischen Erwerbslebens. Rund acht Millionen Menschen entbehren heute in Polen auf dem flachen Lande einer gesunden Existenzgrundlage. Eine Intensivierung der Landwirtschaft in ganz Polen, vornehmlich im Osten, würde nach vorsichtigen Schätzungen zwei bis drei Millionen von diesen acht noch in der Landarbeit unterbringen können. Was aber wird aus den überzähligen fünf Millionen Menschen? Sie drängen in die Städte, in das Erwerbsleben der Industrie, des Handels, des Handwerks.
Die Lage, die sie hier antreffen, ist keineswegs rosig. Die Industrie steckt in ihren Anfängen. Ihr grosszügiger Ausbau ist geplant, aber für das Tempo, in dem er möglich wird, ist auch der stürmischste Wille allein nicht ausschlaggebend, solange Kapital und immer wieder Kapital beschafft werden muss. Die Unterbringung überschüssiger polnischer Massen in der Industriearbeiterschaft verbleibt als Hoffnung nicht für heute und morgen vielleicht für übermorgen
Berliner Tageblatt: Artikel vom 3. Februar 1938 über die Juden in Polen
Die Juden in Polen
Von unserem Korrespondenten Hans-Achim v. Dewitz2 Mit dem folgenden Aufsatz unseres Warschauer Korrespondenten über die Juden in Polen setzen wir die Behandlung des durch die Entwicklung in Rumänien nahe gerückten jüdischen Problems in Osteuropa fort, die mit dem Artikel Die Juden in Rumänien" in der Nummer 42 des Berliner Tageblattes" vom 26. Januar l.J. begonnen wurde.3 Die Schriftleitung.
Warschau, Anfang Februar. Von den rund 33 Millionen Menschen, die den polnischen Staat bilden, entfallen etwa 3 Millionen auf die Juden. Nächst den Ukrainern bilden sie die stärkste Volksgruppe. Dennoch ist es weniger die Eigenschaft des polnischen Judentums als grosse kulturelle und konfessionelle, nationale Minderheit, die den Kern der jüdischen Frage in Polen ausmacht. Dem Polen stellt sich einstweilen das Problem nicht so sehr als kulturelles oder als rassisches dar. Denn in beiden Beziehungen fehlen starke Reibungsflächen. Keine Minderheit führt ein ungestörteres kulturelles Eigenleben als die jüdische. Niemandem würde es einfallen, hier polonisieren" zu wollen.
Die blutmässige Vermischung spielt noch nicht die Rolle, die sie schroff in das Blickfeld der nationalen Aufmerksamkeit rücken müsste. Das stillschweigende Getto", das polnische und jüdische Bevölkerung auch heute noch voneinander trennt, mit den entsprechenden seelischen Hemmungen des Polen und den orthodoxen Prinzipien des Juden, ist erst von der kleinen Schicht der Assimilanten" teilweise durchbrochen worden, die auf dem Umweg über materiellen Aufstieg und konfessionellen Uebertritt den Zugang in die gehobeneren Schichten fanden und heute bereits einen unverkennbaren Einfluss auf den Gebieten entfalten, die dem jüdischen Intellekt von jeher zusagen.
So nur ist es möglich, dass der Charakter der jüdischen Frage als der eines Rasseproblems schlechthin in Polen verhältnismässig wenig erkannt wird, ja in der Regel, entsprechend der katholischen Doktrin, zugunsten rein konfessioneller Unterscheidungen verkannt wird. Die Aktualität der jüdischen Frage, wie der Pole sie für Polen sieht, liegt vornehmlich im Oekonomischen und Sozialen. Mehr und mehr wird sie zu einer Frage des beiderseitigen Lebensraums und der sozialen Struktur. Das Elend der breiten polnischen Massen verlangt ebenso nach Milderung wie das der jüdischen, und die junge Generation Polens sucht nach Aufstiegsmöglichkeiten.
Der Zusammenprall der polnischen und jüdischen Bevölkerung im Kampf um das täglich Brot erfolgt auf dem Pflaster des städtischen Erwerbslebens. Rund acht Millionen Menschen entbehren heute in Polen auf dem flachen Lande einer gesunden Existenzgrundlage. Eine Intensivierung der Landwirtschaft in ganz Polen, vornehmlich im Osten, würde nach vorsichtigen Schätzungen zwei bis drei Millionen von diesen acht noch in der Landarbeit unterbringen können. Was aber wird aus den überzähligen fünf Millionen Menschen? Sie drängen in die Städte, in das Erwerbsleben der Industrie, des Handels, des Handwerks.
Die Lage, die sie hier antreffen, ist keineswegs rosig. Die Industrie steckt in ihren Anfängen. Ihr grosszügiger Ausbau ist geplant, aber für das Tempo, in dem er möglich wird, ist auch der stürmischste Wille allein nicht ausschlaggebend, solange Kapital und immer wieder Kapital beschafft werden muss. Die Unterbringung überschüssiger polnischer Massen in der Industriearbeiterschaft verbleibt als Hoffnung nicht für heute und morgen vielleicht für übermorgen
Details
| Erscheinungsjahr: | 2009 |
|---|---|
| Genre: | Geisteswissenschaften, Geschichte, Kunst, Musik |
| Jahrhundert: | 20. Jahrhundert |
| Rubrik: | Geisteswissenschaften |
| Medium: | Buch |
| Titelzusatz: | Deutsches Reich 1938 - August 1939. Hrsg. im Auftr. d. Bundesarchivs, d. Instituts f. Zeitgeschichte u. d. Lehrstuhls f. Neuere u. Neueste Geschichte an d. Albert-Ludwigs-Universität Freiburg |
| Inhalt: | 864 S. |
| ISBN-13: | 9783486585230 |
| ISBN-10: | 3486585231 |
| Sprache: | Deutsch |
| Einband: | Leinen |
| Autor: | Susanne Heim |
| Redaktion: | Heim, Susanne |
| Herausgeber: | Susanne Heim |
| Hersteller: | Oldenbourg |
| Verantwortliche Person für die EU: | Walter de Gruyter GmbH, De Gruyter GmbH, Genthiner Str. 13, D-10785 Berlin, productsafety@degruyterbrill.com |
| Maße: | 60 x 160 x 240 mm |
| Von/Mit: | Susanne Heim |
| Erscheinungsdatum: | 07.10.2009 |
| Gewicht: | 1,465 kg |